John von Wicht

John von Wicht
John von Wicht

Zu den Bildern

1888 geb. in Malente, Schleswig Holstein
1905 Maler und Dekorateurlehre
1909 Studium d. angewandten Künste in Darmstadt
1911 Studium a.d. Akademie der Künste, Berlin
1914 Als Soldat im 1.Weltkrieg verwundet
1923 Auswanderung in die USA
1925-40 Zahlreiche Aufträge für Wand-und Decken-
gemälde, Mosaiken und Glasfenster
1936 amerikanische Staatsbürgerschaft, erste
Einzelausstellungen in New York
1941 Mitgl. ‚Society of American Abstract Artists‘ und d.
‚Federation of Modern Painters and Sculptors‘
1942 Einsatz bei der US-Marine als Barkassenkapitän
1951 Lehrtätigkeit a.d.New Yorker ‚Art Students League‘
Viele Auszeichnungen seiner Werke
1959 Ausstellungen in Paris, Brüssel, Zürich und Madrid
Erwirbt ein Sommerhaus auf Mallorca
ab 1960 Wintermonate in New Hampshire, MacDowell
Colony, Alexander Studio
1970 John von Wicht stirbt im Alter von 82 Jahren in
Brooklyn, New York

 

Biografie John von Wicht
Leben und künstlerischer Werdegang John von Wichts.

Sicherlich wird vielen von Ihnen der Name John von Wicht zum ersten Male begegnen. Das soll jedoch nicht besagen, dass seine Arbeiten der übrigen euro­päischen Kunstwelt fremd geblieben sind. Bereits zu seinen Lebzeiten gab es große Ausstellungen seiner damals aktuellen Werke in Brüssel, Paris, Madrid, Barcelona und Zürich, die von der Kritik begeistert aufgenommen worden sind. So schreibt 1959 Fernando Chueca Goitia, der damalige Direktor des Museo de Arte Contemporaneo, Madrid: „John von Wicht ist ein Künstler von internationaler Bedeutung. In seinen Bildern finden wir immer eine geistige Tiefe, Struktur und Gleich­gewicht. Sogar in seinen streng geometrischen und kalli­graphischen Phasen entsteht eine Aura von Lyrik und Poesie. Große Frische in der Ausführung und im Gefühl mildert und bereichert sein Werk mit tiefer menschlicher Erregung.“

In den USA war der Name John von Wicht schon damals ein fester Begriff in der Fachwelt. Bedeutende Kunst­preise, unzählige Artikel in Fachzeitschriften und Büchern und die Aufnahme seiner Werke in die wichtigsten privaten und öffentlichen Sammlungen der USA zeigen, wie sehr er in seiner Wahlheimat anerkannt wurde.
John I.H.Baur, einer der Direktoren des New Yorker Whitney Museums misst ihm eine so große Bedeutung bei, dass er in seinem Buch „Revolution and Tradition in Modern Art“ schreibt, dass Willem de Kooning und John von Wicht die europäische Tradition nach Amerika gebracht hätten.
Wer war also dieser Mann?
Johannes von Wicht wird 1888 in Malente/Ostholstein geboren und wächst im Kreise seiner Eltern und sieben Geschwister im dortigen Pfarrhaus auf. Als sein Vater wegen schwerer Erkrankung das Amt des Pastors abgeben muss, siedelt die Familie nach Oldenburg über, um den Kindern eine bessere Schulbildung zu ermöglichen. Nach der Schulzeit absolvierte von Wicht eine handwerkliche Lehre bei einem ortsansässigen Malermeister. Er musste Farben mischen, diese mit Pigmenten anrühren und für die tägliche Arbeit vorbereiten. Diese Tätigkeit ist ihm zeitlebens als nützlich und wertvoll in Erinnerung geblieben.
Häufig besuchte er an den Wochenenden den in der Nähe Oldenburgs lebenden Kunstmaler Gerhard Bakenhus, der ihn bei seiner Arbeit zusehen ließ. Bakenhus galt als passabler Landschaftsmaler und Vertreter des norddeutschen Genrebildes. Er erkannte das Talent des jungen von Wicht und hielt ihn an, sich intensiv mit der Natur auseinander­zusetzen und genaueste Naturstudien anzufertigen. So entstehen unzählige Studien und Skizzen, die Umgebung Oldenburgs beschreibend, erste Ölstudien, unter anderem auch ein Gemälde, welches von Wicht “ Innere eines Bauern­hauses“ betitelt.
Dieses Bild wurde im Februar 1908 in einer Ausstellung der Bremer Kunsthalle gezeigt, wo es nicht nur begeistert auf­genommen, sondern auch gleich am ersten Tag der Ausstellung von einem Bremer Kaufmann erworben wurde, in dessen Familienbesitz sich das Bild noch heute befindet und freundlicherweise für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt wurde.. Nun glaubte auch von Wichts Mutter, dass seine künstlerische Laufbahn für ihren Sohn das geeignetste sei.
Zu Beginn des Jahres 1908 verließ er Oldenburg, um an den Großherzöglichen Werkstätten auf der Darm­städter Mathildenhöhe ein Studium für angewandte Kunst und Grafik aufzunehmen.
Diese Schule gilt heute als ein Zentrum des deutschen Jugendstils. Plakatentwürfe, Buch und Schriftdesign gehörte ebenso zu dem Ausbildungsprogramm der Studenten, wie strenges Zeichnen nach der Natur und die Beschäftigung mit den wichtigsten Werken der Kunstgeschichte.
Ganz im Sinne des Jugendstilgeistes ließ ihn sein Lehrer Friedrich Wilhelm Kleukens ein ganzes Jahr lang Pflanzen und Blumenstudien zeichnen.
Er sollte ihre Struktur aufspüren und dabei die zirkulieren­den Wachstums­bewegungen beobachten. Nicht der blosen äußeren Erscheinung galt sein Interesse, sondern dem har­monischen Gleichgewicht dieses Mikrokosmos. Noch in hohem Alter ist von Wicht tief von den Ausführungen seines Darmstädter Lehrers beeindruckt, der die Wachstumsprozesse einer Pflanze mit den Grundgesetzen des Universums verglich.
Einfachheit, Natur und Poesie waren die von dem Jugendstilgedanken geprägten Ideale, die nicht nur in Darmstadt gelehrt wurden, sondern auch zu den großen Werten des künstlerischen Schaffens von Wichts zählen.
Trotz des guten Kontaktes in Darmstadt bewarb sich von Wicht auch auf Anraten seiner Darmstädter Lehrer nach einem Jahr für ein Stipendium zum Studium an den Lehr­werkstätten des Berliner Kunstgewerbemuseums. Im Oktober 1909 erhielt er die Zusage, woraufhin er sich gleich nach Berlin begab. Hier sollte er nun an die praktische Seite seines Berufes geführt werden. Er lernte die unterschiedlichsten Seiten der Druck­technik kennen und musste seine Entwürfe in den verschiedenen Gestaltungsformen ausführen.
Viel aufregender aber war das Berliner Leben für ihn. Er besuchte unzählige Galerien und Ausstellungen und konnte auf diese Weise Zeuge einer interessanten Zeit im Bereich der Kunst werden. In Berlin herrschte immer noch der Glaube, daß die Malerei der deutschen Impressionisten zum aktuellsten und modernsten Stil gehörte. Doch gerade kurz vor dem ersten Weltkrieg fanden erste Ausstellungen von Munch, den französi­schen Impressionisten und Van Gogh statt. Diese Malerei wühlte die ganze Kunstwelt auf. Gerade die zu der eher dunkel gehaltenen Farbigkeit der deutschen Impressionisten im Gegensatz stehenden glühenden Landschaften van Goghs versetzten von Wicht und seine Mitstudenten in einen Schockzustand. Er selbst sagte, dass es kaum eine Zeit in seinem Leben gegeben habe, in der neue künstlerische Ausdrucksformen einen derart starken Eindruck in ihm hinterlassen haben. Doch er konnte in seiner eigenen Malerei diese Einflüsse noch nicht verwerten. Stattdessen verbrachte er die Sommermonate auf den Orkney Islands um sich ganz den ursprünglichen Natur­eindrücken hinzugeben und diese in Zeichnungen und kleineren Gemälden verarbeiten zu können.
Er hatte Erfolg mit diesen Arbeiten. Ein Oldenburger Verlag veröffentlichte eine ganze Serie seiner Landschaftstudien als Post­karten, was aber noch wichtiger war, eines seiner Gemälde wurde auf der Ausstellung der Berliner Sezession im Spätjahr 1911 gezeigt und von der Stadt Berlin angekauft. Das schien sehr vielversprechend für den jungen Künstler zu sein, doch ein die ganze Welt erschütterndes Ereignis sollte aller Hoffnung ein Ende bereiten. Der erste Weltkrieg brach aus und von Wicht wurde noch vor der offiziellen Kriegs­erklärung an die Westfront geschickt und musste die ersten schweren Kämpfe im Elsas mitmachen. Schon 1914 wurde er schwer verwundet, so dass er den Rest der Kriegszeit in Lazaretten verbringen sollte.
Bei seiner Rückkehr nach Berlin fand er alles verändert vor. Viele seiner Kollegen waren gefallen oder ver­schollen, dort, wo er vor Kriegsbeginn noch den Halt in der Ausbildung hatte, hatte er nun mit Gelegen­heitsarbeiten und Existenznot zu schaffen.
Berlin stand im Taumel des Expressionismus, die Maler der Brücke waren in aller Munde, doch auch diesmal nahm von Wicht Abstand zu der farbigen Palette und dem malerischen Duktus expressiver Malerei. Stattdessen entstehen in den Sommermonaten dieser Jahre zahlreiche Zeichnungen, die seine norddeutsche Heimatlandschaft mit all ihren Eigen­schaften umreißen.
Von Wicht geht in seiner Hinwendung zur niederländischen Tradition so weit, dass er als Anregung für diese feingestalteten Federkielzeichnungen das zeichnerische Oevre Rembradts angibt. Mal von reinem und klaren Licht durchzogen, mal von schweren Wettern bedroht breitet sich die ganze Weite dieser Landschaft vor dem Betrachter aus. Meist zeigen die kleinformatigen Skizzen typische Bilder Schleswig – Holsteins. Windmühlen, alte Bauernhäuser oder einfach nur ruhige Ausblicke auf eine Baumgruppe oder das Meer charakterisieren diese Blätter, die eine große Verbundenheit zwischen Künstler und Natur ver­deut­lichen. Im Sommer 1920 folgt von Wicht einer Einladung nach Stockholm, wo eine Einzelausstellung mit diesen Arbeiten realisiert werden konnte.
Die hoffnungslose wirtschaftliche Lage, vor allem die Inflation in Deutschland zwang immer mehr Künstler ihre Bilder im Ausland zu verkaufen. Natürlich war auch von Wicht von diesem Notstand bedroht. In dieser ausweglosen Situation traf er einen Bekannten, der frisch aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt, das dortige Leben als positiver und aussichtsreicher beschrieb. Das gab den endgültigen Anstoß zu von Wichts lange erwogenen Entschluss, Deutschland zu verlassen um in der Neuen Welt einen neuen Anfang zu machen.
Am 20. Februar 1923 verließ von Wicht Europa per Schiff in Richtung seiner neuen Heimat New York.

Amerika.

Als von Wicht 1923 mit 25$ in der Tasche in New York ankam, ließ er sich zunächst in Brooklyn in der damals nicht unbedeutenden Ardsley Art Academy nieder. In dieser, von dem Kunstkritiker und Sammler Hamilton Easter Field gegründeten Künstlerkolonie traf von Wicht auf viele Künstlerkollegen. Kuniyoshi, Robert Laurent, Maurice Stern, Stephen Hirsch und Jules Pascin, um nur einige zu nennen waren seine Künstlerfreunde und Nachbarn. Allen war gleich, dass sie ihren Lebensunterhalt mit einer artfremden Tätigkeit verdienen mussten.
1925 fand von Wicht eine neue Beschäftigung bei der in Brooklyn ansässigen Firma Ravenna Mosaic Inc., eine Zweigstelle der Berliner Firma Wagner, die sich auf das Entwerfen und Her­stellen von Kopien alter Mosaikarbeiten und Kirchen­fenstern speziali­siert hatte. Obwohl von Wicht seine eigene Kunst nicht vollständig vernachlässigte, musste er sich in den folgenden Jahren doch intensiv mit den einerseits technischen, anderer­seits ikono­graphischen Problemen byzantinischer und mittel­alterlich christlicher Kunst auseinandersetzen. Durch seinen fast täglichen Umgang mit diesen Vorbildern gelangte er zu einem für ihn völlig neuen Verständnis der Symbolkraft der Farbe. Er kam zu der Meinung, dass die farbikonographische Aussagekraft sehr viel direkter auf den Affektbereich des Betrachters wirken kann, als es die Farbe im figür­lich beschreibenden Kontext vermag. Diese mit seiner Arbeit im Bereich der angewandten Kunst im Zusammen­hang stehenden Erkenntnisse sollten natürlich ebenso nützlich für seine eigenen Arbeiten sein. So dauerte es auch nicht allzu lange bis er sich wieder seiner eigenen Malerei widmete. In unermüdlichen Studien verband er Linien mit einfachen geometrischen Formen, entwickelte seine Form- und Farbgefühl innerhalb einer Komposition bis zu einem solchen Grad, daß er in späterer Zeit gerade diese Bemühungen um ein abstraktes Vokabular als Ausgangspunkt für sein abstraktes malerisches Werk verstand.
Beinahe zwanzig Jahre war von Wicht für Architekten, Dekorationsfirmen sowie freiberuflich im Bereich angewandter Kunst tätig. In dieser Zeit entwarf er unzählige Mosaiken, Kirchenfenster und Wandgemälde, die zum größten Teil noch heute erhalten sind. Als infolge der „Depression“ die meisten Dekorationsfirmen ihre Arbeit niederlegten kam das WPA Project für von Wicht wie gerufen.
Im Dezember 1933 wurde unter President Roosevelt ein Programm zur Unterstützung bildender Künstler veröffentlicht. Im Rahmen dieses Unternehmens wurden Künstler engagiert, die Kunstwerke an öffentlichen Gebäuden produzierten. Aufgrund des großen Erfolges des Public Works of Art Project wurde 1935 ein neues, erweitertes Projekt entworfen, welches unter dem Namen Works Progress Administtation oder kurz WPA bekannt wurde. Innerhalb eines Jahres wurden Künstler, Lehrer, Handwerker, Foto­graphen, Designer und Forscher eingestellt, die für im Durchschnitt 95$ verpflichtet waren, 96 Stunden monatlich für den Staat zu arbeiten. Den Rest der Zeit konnten sie für ihre eigenen Arbeiten einsetzen.
Im Rahmen dieses Programmes wurde von Wicht zusam­men mit drei weiteren Kollegen, Stuart Davis, Byron Brown und Louis Schanker ausgewählt, die Dekorationsarbeiten in den Studios der WNYC Radio Station im United States Building auf der 1939 in New York stattfindenden Weltausstellung auszuführen.
Im gleichen Jahr fand von Wichts erste Einzelausstellung in der Theodore A. Kohn Company in New York statt. Die dort gezeigten Arbeitenstellten einerseits eine späte Auseinandersetzung mit dem Kubismus, andererseits aber auch die deutliche Verarbeitung der flächigen Gestaltungsweise bei Kirchenfenstern heraus. Er hatte Erfolg mit diesen ersten abstrakten Gehversuchen. Sein Bild „Force“ erfuhr eine intensive Besprechung in der New York Times, vielmehr diente es dem Kritiker Edward A. Jewell als Illustration für ein Disput über die Qualitäten Moderner Kunst.
Nach diesen, die öffentliche Aufmerksamkeit erregenden Ereignissen, nahm die Ausstellungstätigkeit zu. 1940 zeigte er drei große, völlig abstrakte Mural-paintings im Whitney Museum, zu dessen jährlichen Ausstellungen er in den folgenden Jahren regelmäßig eingeladen wurde. Bis 1943 übte er noch seine Tätigkeit für Dekorationsfirmen und Architekten aus, doch dann entschloss er sich alle Arbeiten im Bereich angewandter Kunst aufzugeben. Stattdessen entschloss er sich, eine völlig andersartige Arbeit anzunehmen. Als er hörte, dass die United States Army Kapitäne für Versorgungs­schiffe im New Yorker Hafen suchte, war er von der Idee fasziniert und derart gereizt, dass er anheuerte. Nachdem er während der Kriegszeit mit seinem Versorgungsdampfer Nahrungsmitte zu den im New Yorker Hafenbecken liegenden Armeetransportschiffen bringen musste, wurde er ab 1947 Kapitän des Fracht­schiffes Dorothy, mit welchen er Autozubehörteile von Tarrytown,NY nach New York City transportierte. In der Kabine des Dampfers arbeitete er an seinen Bildern, die sich thematisch auf die Hafenathmosphäre beziehen. „Harbor Abstract“, „Harbor Impression“ oder auch nur Titel wie „Pertaining to Harbor“ bestätigen von Wichts immenses Interesse an der künstlerischen Verarbeitung der hier gewonnenen Erlebnisse.
Wenn auch die Hafenszenen noch sehr mit einem geometrisch, flächigen Formenapparat komponiert sind und somit eine Brücke zu den kubistischen Auseinander­setzungen der späten 30er und 40er Jahre darstellen, so verlässt von Wicht Anfang der 50er Jahre mehr und mehr die gestalterische Methode, einzelne Formen strikt voneinander abzugrenzen und farblich zu differenzieren. Seine Bilder werden malerischer, er arbeitet mit Farbmodulationen, Untermalungen und fließenden Übergängen.
Mitte der 50er verlässt von Wicht sein New Yorker Studio um im ländlichen Frieden von Vermont und New Hampshire zu arbeiten. Es ist eine Zeit der Wandlung und Rückbesinnung. So wie er seine geo­metrisch und kubistisch geprägte Phase verlässt, so nimmt er auch Abschied von der Geometrie der Gigantenstadt New York. Er sucht den ländlichen Frieden, die Ruhe und die Einheit mit der Natur.
Vorerst ist in den hier entstehenden großformatigen Gemälden noch eine assoziativ bestimmbare Symbol­sprache vorhanden. Äste, blattartige Gebilde, Früchte oder einfach nur durch Geäst scheinendes Licht sind Phänomene, die diese Bilder charak­terisieren.
Trotz aller erlangter malerischer und lyrischer Freiheit sind die Bilder noch in einen horizontal -vertikal strukturierten Formalaufbau eingebunden, gegen Ende der 50er Jahre scheint der Künstler seinen Stil jedoch neu zu überdenken und sich einer spontaneren, weniger konstruktiven Kompositionsweise hinzugeben.
Von Wicht verfolgt diese Entwicklung. In unendlichen lyrischen Abstraktionsübungen und kleineren Papier­arbeiten versucht er sich vollends von dem bisherigen Kompositionsschema zu befreien. Die in diesen Bildern auftauchenden Linien dienen nicht mehr zur Definition irgendwelcher organischen Gebilde oder als Umriss für Formen, die sich begrifflich aus der Erfahrung der Umwelt fassen lassen, vielmehr erlangen sie eine Eigenqualität, die aufgrund ihrer Charakteristik Phänomene wie Geschwindigkeit, spontane Energie, Zaudern oder Innehalten vermittelt, sie entwerfen mittels ihrer automatistischen Schreibweise ein Psychogramm, welches den inneren Zustand des Künstlers in eine direkte Bildnerische Spur verwandelt.
Die Bildmitte ent­wickelt sich zum Zentrum der Komposition und versammelt alle gestalterische und gedankliche Energie.
„Any work of art has to embody the vital principles of organic growth. These principles are to be found in nature. The architectural well- balanced construction can be observed in the smallest plant, the rhythm, harmony, relationship, all the fundamentals are seen in it.“
Mit diesen Worten besinnt sich der reife Künstler auf die Lehre seines Darmstädter Professors. Nun aber verbindet er seine europäische Tradition mit der kalligraphischen Kunst Ostasiens. Vertraut mit fern­östlicher Philosophie und Kunst entstehen Arbeiten, die den schnellen Duktus der chinesischen Meister in sich tragen, dabei aber eine Struktur zeigen, die an ein altniederländisches Blumen Stilleben erinnern.
Die Verbindung von fernöstlicher Kalligraphie und euro­päischem Bildaufbau zeichnet sein Spätwerk aus. Immer schneller gestaltet von Wicht die Ausführung seiner Bilder. Er bemalt nun die nicht aufgespannten Leinwände auf dem Boden liegend, um noch unmittel­barer jeden Winkel der Komposition erreichen zu können. Damit schafft er Kompositionen, die ein absolutes Zentrum haben, um welches sich das bild­nerische Geschehen gruppiert.
Mit dem Beginn der 60er Jahre ändert sich sein Werk. Nicht mehr der helle Hintergrund, der den kalligraphischen Niederschriften den nötigen Halt verschaffte ist vorherrschend, rote, tiefrote oder schwarze Bilder herrschen vor. Die Bilder werden malerischer, völlig losgelöst von irgendwelchen Ab­bildungswünschen. Es gibt Überschneidungen, insofern, daß er dunkle Bilder in Form eines chinesischen Scrolls malt oder eine Vorliebe für das extreme Hochformat entwickelt, welches an die asiatische Schriftrollenform anbindet. Andererseits scheint er sich wieder auf seine westliche Tradition zu beziehen. Barocke Stilleben interessieren ihn, er gibt seinen Arbeiten sogar entsprechende Titel.
Er hatte in der künst­lerischen Entwicklung seiner amerikanischen Zeit wenig Gelegenheit, europäische Strömungen in seine Malerei aufzunehmen, dennoch zeigen seine Bilder eine Qualität, die als Charakteristikum der europäischen informellen Malerei anzusehen ist, nämlich das Anerkennen des Bildraumes und das begrenzte Bildformat. Er scheint seine europäische Herkunft nicht verleugnen zu können und bestätigt mit diesen Merkmalen noch einmal die Ursprünge seiner Abstrakt­ions­idee, die in der europäischen Malerei zu finden sind. In der kommenden Schaffens­epoche in welcher er zum ersten Mal wieder sehr viel Zeit in Europa verbringt verlieren sich diese Merkmale, so daß er paradoxerweise mit seinem Schritt zurück nach Europa erstmals amerikanische Qualitäten in seine Bilder aufnimmt.
Im Sommer 1959 reist von Wicht zum ersten mal seit seiner Auswanderung in die U.S.A. nach Europa. Die Sommermonate der kommenden Jahre wird er auf Mallorca verbringen. In Galilea, einem kleinen Ort in den Bergen unweit von Palma, kann er ein kleines Haus erwerben, wo er in seinen letzten Lebensjahren in Ruhe über neue Mögl­ichkeiten der Abstraktion nachdenken kann. Er genießt das mediterane Licht und die farbliche Pracht der Insel. In vielen Bildern bleiben nur noch Spuren und Fetzen einer Niederschrift übrig, ganz eingebettet in die Tiefe des Grundes.
In der geogra­phisch begrenzten Insellage scheint er die Unendlichkeit der amerikanischen Landschaft zu begreifen. Er beginnt an großformatigen Bildern zu arbeiten, die entgegen allen vorher entwickelten Kompositions­modellen grenzenlos werden und aus dem Bildraum aus­brechen
Sicherlich sind diese Bilder ohne den vorausgehenden Prozess der Auseinandersetzung mit Zen Malerei nicht vorstellbar. Die schnelle Ausführung, die trotz aller Dramatik und Gestik einer strengen inneren Kontrolle unterzogen ist werden typisch für sein Werk und verbinden ihn auch mit der Arbeitsweise asiatischer Meister, die, wie von Wicht einmal
sagte­: „knew how to learn everything and then forget all – work from feeling only“.
Ich hoffe mit diesem kleinen Vortrag das Werk dieses Malers ein wenig vorgestellt zu haben und ein Beispiel eines Malers des 20. Jahrhunderts vorgeführt zu haben, der die meisten Entwicklungsstadien einer modernen Malerei durchlaufen hat und dadurch uns in einer solchen Betrachtung auch vor Augen führt, welche Einflüsse auf dem Weg zu einer abstrakten, gegenstandslosen Kunstform wirksam werden konnten.
Ich möchte mein Referat ­nun beenden und mich zum Abschluß den Worten Hans Hoffmanns anschließen, der in einem Brief an von Wicht folgenden Wunsch äußert: „I hope your work will find the appreciation which it so greatly deserves.“

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